Opening ring ring Zurich 

15th October 2026

https://ring-ring.ch/ring-ring

INSTILL

von Flurina Sokoll

2026

DE

Die azurblaue, röhrenförmige Vase stand am Straßenrand auf dem Gehsteig neben einem Container, sorgfältig zwischen anderen Gegenständen eingereiht: einem Wasserkocher, ein paar Blechdosen, Geschirr, einem Schnellkochtopf, einem Stuhl, einer Lampe, einem Krug und einem Paar schwarzer Stiefel. Die Dinge schwebten zwischen potenzieller Nutzung und endgültig Abfall zu sein, versehen mit einem Zettel mit der Aufschrift ‘Gratis’. Es roch nach verdorrtem Laub und Abgas. Grelles Sonnenlicht brachte alle Oberflächen zum Glänzen. 

Ich meditierte das Stillleben für einige Sekunden und nahm ein Erschöpfungsgefühl wahr. Auf einmal aber begann es wie hauchdünn elektrisiert in meinen Armen zu kribbeln. Ich ließ die Tasche aus meiner rechten Hand auf den Teer fallen und griff stattdessen mit beiden Händen an den länglich kühlen Vasenkörper. Für einen kurzen Moment versank ich in einem Beruhigungszustand, wie das Eintauchen in einen glatten See. Die Vase hielt ich nun wie ein Baby in den Armen. Langsam legte ich sie an mein Schlüsselbein und klemmte sie zwischen meinem linken Unterarm und meiner Brust ein, sodass sie hinter meiner Schulter leicht in die Luft ragte. Die rechte Hand war wieder frei für das Tragen der Tasche. Wie ich loslief, streifte das wackelnde Glas gelegentlich mein Haar, mein Ohr.

Auf der kleinen Brücke über dem Kanal angelangt, fragte ich die Vase, ob sie wieder ihre ursprüngliche Funktion aufnehmen wolle. Abgesehen vom Rauschen des Baches, blieb es still. Die folgenden zwanzig Minuten spazierten wir quer durch die Nachbarschaft und ich schob die Frage vor mich hin, wer von wem bewegt wurde.

Als ich den Eingang des Hauses erreichte, stellte ich die Röhre auf den Boden. Abrupt kam mir ein dumpfer, tiefer Ton entgegen. Ich hielt ein paar Sekunden inne, kramte den Schlüsselbund aus der Tasche und wendete mich mit hörbarer Stimme an die Vase: Möchtest du Blumen in dir halten – wenn ja – welche wären das? – Weisse Lilien? Sonnenblumen?

Im selben Moment fiel mir die Redewendung ‘auf der Leitung stehen’ ein, denn diese geht darauf zurück, dass man sich in den Anfängen der Telekommunikation vorstellte, Gespräche würden wie Wasser durch ein Leitungsrohr fließen.

Ich wartete eine Minute lang in der Türschwelle, hielt die Vase an mein Ohr und lauschte noch einmal ihrem Rauschen.

Die Treppe hochlaufend, flüsterte es:

Dahlien.

Ich zog mir die Schuhe aus, wusch mir die Hände, rieb den Vasenkörper mit einem Tuch ab und legte sie auf meinen Wohnzimmerteppich. Ein wenig nervös setzte ich mich aufs Sofa, die Vase im Blick, streckte die Beine aus und begann auf meinem Handy über Dahlien zu lesen:

Die Gattung der Blumen stammt ursprünglich aus Mexiko und wurde bereits lange vor der Kolonialisierung des Kontinents von den Azteken angebaut. Sie nutzten nicht nur ihre kohlenhydratreichen Wurzeln als Grundnahrungsmittel, sondern bauten auch Wasserleitungen aus ihren hohlen Stängeln. In ihrer Sprache ‚Nahuatl‘ wird die Blume ‘A-Cocoxochitl’ genannt und setzt sich zusammen aus den Wörtern:

 

atl (Wasser)

cocotli (Röhre)

xochitl (Blume)

 

Bekannte Wörter aus der ‚Nahuatl-Sprache‘ sind zum Beispiel: Tomate, Schokolade und Kojote. ‘Tomatl’ meint ‘anschwellende Frucht’ und ‘xocolatl’ setzt sich aus ‘xococ’ (bitter) und ‘atl’ (Wasser) zusammen – die Azteken tranken Kakao als bitteres, ungesüßtes Getränk. Jedoch der Blume, die wir Dahlie nennen, wurde ihr ursprünglicher Name entwendet. Und ohne die Handelswege der Kolonialzeit würde sie heute womöglich auch nicht in dieser Art in unseren Gärten blühen.

Gratis?

Ein paar Wochen später begann ich die ‘Leitung’ zu erweitern, indem ich auf Online-Secondhand-Marktplätzen nach ähnlichen Vasen stöberte. Als ich eine Verkäuferin fragte, warum sie ihre loswerden wollte, schrieb sie zurück: Ich helfe anderen Menschen beim Entrümpeln und finde ein neues Zuhause für diese Dinge, bevor sie in unserer Wegwerfgesellschaft im Müll landen.

EN

A vase I found by chance instilled something in me ‘for free’. 

The azure-blue tubular vase had been set down on the dirty road next to a storage container, carefully arranged among other items: a kettle, a few cans, dishes, a pressure cooker, a chair, a lamp, a pitcher and a pair of black boots. Everything seemed carefully arranged and still in working order but existed in a limbo between potential use and being waste, with a note ‘for free’.

After meditating the still life for a couple of minutes I decided to grasp the blue elongated body with both hands and soon held it in my arms like a baby. I swung it over my collarbone, wedged between my forearm and torso, so that its neck still stretched slightly into the air. As I started walking, it occasionally brushed gently against my hair, my ear.

Crossing the little bridge over the canal, I asked if it wanted to resume its original function. But aside from the sound of the stream, there was silence. We walked through the streets for about twenty minutes, captivated by its elegance. I’ve put off answering the question of who was moved by whom.

When I reached the entrance to the house, I set the tube down on the floor and a muffled sound came from inside it. I fished my keys out of my pocket and asked: Would you like to hold a flower — if yes — which one would that be, please?

White Lillies?

Sunflowers?

At that moment, it occurred to me that the idiom ‘slow on the uptake’ in German literally means 'to stand on the line'. It derives from the fact that, in the early days of telecommunications, people imagined that conversations flowed like water through a pipe. I waited a minute in the doorstep, holding the vase to my ear and listened to its noise. 

It wasn't until I was slowly walking up the stairs, that I suddenly heard a soft whisper: Dahlias.

I sat down on my sofa, placed the vase next to me and started reading about the flower dahlia on my cell phone:

The genus of the flowers we call dahlia is native to Mexico. It was cultivated by the Aztecs long before the colonization of the continent. Not only did they use the carbohydrate-rich roots as a staple food, but they also built water lines from the hollow stems of large plant species. They spoke ‘Nahuatl’, a language that served as a ‘lingua franca’, a common language of communication for people with different native languages. In Nahuatl the original name of the dahlia is ‘A-Cocoxochitl’, made up of the following words:

 

atl (water)

cocotli (tube)

xochitl (flower)

 

Well-known words from Nahuatl include tomato, chocolate, and coyote: ‘tomatl’ means ‘swelling fruit’ and ‘xocolatl’ is likely composed of ‘xococ’ (bitter) and ‘atl’ (water), since the Aztecs consumed cacao as a bitter, unsweetened beverage. However, the flower we call dahlia had been stripped of its indigenous name ‘A-Cocoxochitl’. And let’s not forget: without colonial trade routes, it wouldn’t be blooming in our gardens today in this form.

For free?

 

A few weeks later, I began expanding the ‘pipeline’ to connect additional tubes to one another. I reached out to sellers who were offering similar vases on online secondhand marketplaces. As I asked Ms. X why she was selling hers, she wrote back: I help other people with household clear-outs and find new homes for these items before they end up in the trash in our throwaway society.

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